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Ein Revolutionär, der Geschichten erzählt

Der Besuch von Rob Hopkins am eco.festival in Basel im Mai 2015.

«Vor acht Jahren habe ich das Fliegen aufgegeben.» Er sagt das, als spreche er vom Rauchen. Aber Rob Hopkins spricht am eco.naturkongress in Basel von einer anderen Substanz mit hoher Suchtgefahr: dem Erdöl, auf dem fast alles im täglichen Leben der westlichen Welt basiert. Und dieses kann nicht mehr so einfach gefördert werden wie früher. Zudem treibt dessen Verbrennung den Klimawandel an. Was tun, fragte sich auch Rob Hopkins – und gründete zusammen mit anderen engagierten Menschen die erste Transition-Town in Totnes in England. Transition steht für «Wandel» oder «Übergang» in eine postfossile, krisenresistente Gesellschaft, die weniger von der globalen Wirtschafts- und Finanzwelt abhängig sein soll, sondern die lokale Wirtschaft stärkt. Mittlerweile gibt es mehr als 1000 Transition-Initiativen in über 50 Ländern – «und das nicht, weil irgendjemand in ein Flugzeug gestiegen ist und es den Leuten beigebracht hat.» Die ersten Erfahrungen der Transition-Initiativen veröffentlichte Hopkins 2008 im «EnergiewendeHandbuch». Darin sind die «12 Schritte des Wandels» beschrieben. Viele Transition-Aktive interpretierten diesen Leitfaden aber viel zu engstirnig, sagt Hopkins, «mehr als wären es die Zehn Gebote, eingemeisselt in Steinplatten und von einem bärtigen Typ den Berg runtergetragen.» Das war nicht die Absicht: Der Inhalt und die Reihenfolge der Aktionsschritte soll jede Initiative selber bestimmen und an die lokalen Bedingungen frei anpassen. Später kam deshalb ein weiteres Buch heraus: Der «Transition Companion». Die Informationen darin sollen eher an Zutaten für einen Schokoladencake erinnern, nach Belieben verwendbar und den kreativen Prozess fördernd. Sein neuestes Buch «Einfach. Jetzt. Machen» sei «kurz und überzeugend, bestens geeignet für skeptische Familienmitglieder».

Was tun die Transition-Initiativen von Europa, den USA, Brasilien? Vom Iran über die Mongolei bis nach Japan und Neuseeland? Die meisten Initiativen legen als erstes einen Garten an. Mittlerweile sind aber auch schon Energieunternehmen entstanden, und in Lüttich in Belgien haben Transition-Aktive einen kooperativen Weinberg angelegt und dafür lokal zwei Millionen Euro gesammelt. Nachgefragt, wie man so etwas zustande bringt, die simple Antwort: «Na ja, die meisten Menschen haben ein bisschen Geld und mögen Wein.» Die Menschen fangen an, eine neue Wirtschaft an ihrem Wohnort zu kreieren. Ein neuer Weg, sich zu ernähren, Strom zu beziehen, sich fortzubewegen. Das lohnt sich auch, denn: Unsere Wirtschaft ist wie ein undichter Eimer. So wie wir im Moment konsumieren, tropft oder besser rauscht das Geld aus der Ortschaft heraus, egal wie viel oben reingeschüttet wird. Hopkins zitiert Untersuchungen in England: «Ein ausgegebener Euro generiert im Supermarkt einen Umsatz von 1.40 Euro, in einem lokalen Geschäft 2.50 Euro.» Wenn 99 Prozent unserer Ausgaben für Essen in einer Supermarkt-Filiale getätigt werden und nur 1 Prozent im Quartierladen mit lokalen Produkten, fliesst da ein riesiges Potential den Bach runter. Transition geht auch dieses Problem an und unterstützt die örtlichen Unternehmen oder gründet sogar neue: «Ich bin sehr stolz auf unsere unabhängige Bierbrauerei in Totnes. Sie gehört der Gemeinschaft und bereichert unsere kulturelle Vielfalt.»

Die Idee der Krisenresistenz verbreitet sich rasch, viele Leute sprechen von einem Transition-«Movement» – einer Bewegung. Hopkins meint dazu: «Wir haben uns nicht gedacht: Hey, lass uns eine Bewegung gründen. Sie ist einfach entstanden.» Bei Transition gehe es darum, wieder Beziehungen zu knüpfen. Eine gesunde Kultur bringe Menschen zusammen. Hopkins glaubt an die Kraft einer positiven Vision, etwas, das «so echt klingt, dass man es beinahe riechen und fühlen kann. Wir müssen lernen, oberirdisch so fesselnde, aufregende Geschichten zu erzählen, dass wir die Rohstoffe darunter getrost im Boden lassen können.» Wie stark Transition-Initiativen schon Klima und Ressourcen schonen, ist schwer zu messen. Ein Beispiel, wo dies gelang: Beim Projekt «Transition Streets» treffen sich Nachbarn, um zusammen herauszufinden, wie und wo jeder einzelne noch Energie einsparen kann. In Totnes sparte jeder der 700 teilnehmenden Haushalte im Schnitt 1.3 Tonnen CO2 pro Jahr (und je rund 750 Euro!). Die Initiativen haben für sich selber aber verschiedene Werkzeuge entwickelt, mit denen sie ihren Fortschritt überprüfen und dokumentieren können, auch um diesen wertzuschätzen: «Viele von uns sind ziemliche Anfänger im Feiern. Auch das wollen wir mit Transition ändern, so dass wir uns freuen über unsere Erfolge und auch würdigen, was vielleicht nicht wie geplant geklappt hat. So bleiben wir motiviert.»

Aber hatten wir diese Kultur des Aufbruchs nicht schon in den 1980er Jahren? Transition stehe auf den Schultern von Riesen, inspiriert von der Anti-NuklearBewegung, den Feministinnen oder den Bürgerrechtlern. «Im Unterschied zu damals sind wir nicht immer nur gegen alles, sondern zeigen, dass auch ein Ja zum guten Leben hochpolitisch sein kann.» Es komme aber auch vor, dass Transition-Initiativen gegen etwas kämpfen: in Totnes zum Beispiel gegen die Eröffnung einer Filiale der nationalen «Costa Coffee»-Kette – erfolgreich! Diese hätte nämlich schätzungsweise die Hälfte der kunterbunten lokalen Cafés vertrieben. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal: «Ich glaube, dass sich Transition-Aktive viel bewusster vor Burnouts schützen. Vor dem früher gepflegten ‹Märtyrertod für den Planeten› hüten wir uns. Eine Veränderung passiert in der Weise, wie wir miteinander umgehen.» Auch fürchteten sie sich nicht, das Wort «Geld» in den Mund (und auch in die Hand) zu nehmen und auch dort einen Wandel anzustossen. Zu guter Letzt profitiert die Transition Bewegung heute natürlich auch von den Vorzügen des Internets. Transition versteht sich als inklusiv: «Wir versuchen, so viele Leute wie möglich ins Boot zu holen, denn da sind wir ja: im selben Boot. Fragt uns jemand nach unserer Meinung zum unbeschränkten Wirtschaftswachstum, meinen wir diplomatisch: Das war keine schlechte Idee im 20. Jahrhundert, aber im 21. Jahrhundert ist sie einfach nicht mehr angemessen.» Bei allem Engagement – wie steht es denn um den persönlichen Stresslevel von Rob Hopkins? Gar nicht so schlecht, wie man meine, beruhigt dieser. Er habe vier Kinder und sei gerne Zuhause. «Früher habe ich Skizzenbücher geführt. Heute nutze ich meinen Blog, um mich künstlerisch auszudrücken. Ich verbringe viele Stunden im Zug, dort nehme ich mir Zeit dafür.» Und: «Einladungen zu Konferenzen, an denen nur Männer sprechen, lehne ich mittlerweile ab.» Welches Bild hat Hopkins von sich selbst? «Ich sehe mich schon als Revolutionär. Uns bleiben keine nichtradikalen Lösungen. Transition fühlt sich für mich aber nicht wie eine Utopie an, sondern sehr handfest. Obwohl niemand weiss, wie man es genau macht, und wir nicht wissen, ob es reichen wird.» Das Publikum ist am Ende des Vortrags jedoch überzeugt: Bei soviel Handlung, Herzblut und Humor bleibt Hoffnung, den Wandel zu schaffen.

Erschienen im ZEITPUNKT! #139

Rob Hopkins war im Rahmen des 10. eco.festivals zum Gespräch im Literaturhaus Basel eingeladen und trat als Referent am eco.naturkongress auf.

Die erwähnten Bücher:

  • Rob Hopkins: Einfach. Jetzt. Machen. – Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. 2014, oekom Verlag. 184 S., € 12.95
  • Rob Hopkins: The Transition Companion – Making Your Community More Resilient in Uncertain Times. 2011, Transition Books. 320 S., £ 29.–
  • Rob Hopkins: Energiewende. Das Handbuch – Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen. 2008, Verlag Zweitausendeins, 236 S., ab ca. € 35.–

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